Was ist Wing Chun?


Wing Chun ist ein traditionelles chinesisches Boxsystem ebenso wie eine kompromisslose Selbstverteidigung. Ihr lernt bei mir euren Körper zu beherrschen und eure natürlichen Waffen in einer realen Notwehrsituation intuitiv richtig einzusetzen. Dazu bedarf es einer methodischen Bewegungsschulung, die zunächst etwas abstrakt anmutet, euch aber innerhalb relativ kurzer Zeit ermöglicht, eure Fertigkeiten im freien Kampf zu erproben. Wing Chun ist übersichtlich und basiert auf nur einer Handvoll Grundtechniken. Es kann innerhalb weniger Jahre vollständig erlernt werden.

Ursprünge

 

Wing Chun Kung Fu ist ein südchinesisches Boxsystem (Kung Fu), das vor ca. 300 Jahren als Synthese aus Bewegungen der traditionellen Künste des Shaolin-Klosters entstand. Legendär wird es auf die Shaolin-Äbtissin Ng Mui zurückgeführt, die ein System ohne Showeffekte und akrobatische Elemente begründen wollte, das nichts anderem dient als dem reinen regellosen Kampf. Dieser Idee folgt das Wing Chun bis heute. Wir trainieren nicht für sportliche Wettkämpfe oder zur ästhetischen Erbauung, sondern für die Selbstverteidigung in einer realen Notsituation. Gleichwohl kann Wing Chun natürlich auch als Sportprogramm, als Gesundheitstraining oder schlichtweg aus purer Faszination betrieben werden.

     

Herkömmliche Selbstverteidigung

 

Laien stellen sich ein Kampfkunst- oder Selbstverteidigungs-Training meist so vor, dass typische Angriffssituationen nachgestellt und entsprechende Abwehren eingeübt werden. Tatsächlich laufen einschlägige Kurse meist genauso ab: die Teilnehmer lernen Fauststöße, Schwinger, Tritte, Griffe, Würfe, Hebel, Stockschläge, Messerstiche und die entsprechenden Abwehrtechniken, so dass ein Angriff A gezielt mit einer Abwehr A' beantwortet wird, die den Gegner nicht nur stoppt, sondern ihn auch unschädlich macht - idealerweise ohne ernsthafte Verletzungen. Ein Fauststoß wird "aufgenommen", ein Wurfansatz "umgeleitet", ein Kick "gestoppt", und die Hand, die einen Schlagstock oder ein Messer führt, wird ganz einfach "entwaffnet". Werden alle Bewegungen beherrscht, kann man sie mischen und auf diese Art den freien Kampf simulieren.

 

Diese Methode mag die Übungsstunden abwechslungsreich und unterhaltsam gestalten. Wenn es aber gilt, eine reale Verteidigungssituation zu bestehen, hat die beschriebene Trainingsform einen gravierenden Nachteil: die standardisierten und eingespielten Abwehren funktionieren meistens nicht. Leider kennt die Wirklichkeit keinen kooperativen Übungspartner, der genau so angreift, dass sie funktionieren könnten. Es wird sich sehr schnell erweisen, dass Angriffe nur schwer zu identifizieren und noch schwerer voneinander zu unterscheiden sind, und selbst wenn die Unterscheidung gelingen sollte, wird es kaum möglich sein, einer Angriffsserie zu entgehen. Tatsächlich gibt es unzählige Arten, einen Haken oder eine Gerade zu schlagen, der oft verlachte Schwinger kann sehr wohl eine gefährliche Waffe sein, und durch geschickte Täuschungsmanöver können Angriffe bis zum Schluss verschleiert werden. Logischerweise taugt eine Methode, die Hunderte von genau passenden Abwehrbewegungen verwendet und eine hellseherische Voraussicht für die Entscheidung benötigt, welche von diesen Hunderten denn nun einzusetzen sei, nicht für die Praxis.

 

 

Ein aggressives Kontersystem

 

Das Wing Chun Kung Fu löst dieses Problem auf originelle Art. Es setzt nämlich auf Verteidigung durch eigenen Angriff, reagiert also bereits auf die Angriffsabsicht. Daher benötigt Wing Chun eigentlich nur eine einzige Technik: den geraden Fauststoß auf der sogenannten Zentrallinie. Die Zentrallinie ist eine gedachte vertikale Ebene, die beide Kontrahenten miteinander verbindet: wer die Zentrallinie angreift, hat die Initiative - wer die Zentrallinie besetzt, trifft den Gegner, bevor dieser treffen kann. Gerade Wege sind kürzer als kurvige, Handtechniken sind schneller als Fußtechniken - der Fauststoß des Wing Chun ist somit das einfachste Mittel, einen Gegner auszuschalten ("Will mich jemand angreifen, hau ich ihn um!"). Wenn gelegentlich auch mit der offenen Hand, der Handkante, dem Handballen angegriffen wird, so deswegen, weil die Hand sich in einer für den Fauststoß ungünstigen Position befindet. Alle übrigen Techniken, die das Wing Chun benutzt, den Fauststoß zu unterstützen, die richtige Distanz für den Fauststoß herzustellen oder die Zentrallinie von feindlicher Gegenwehr freizuräumen, und zu nichts anderem. Wing Chun kennt keine reine Abwehr; wird der Wing-Chun-Kämpfer durch einen schnellen Angriff doch einmal in die Defensive gezwungen, so erfolgen Abwehr und Konter niemals nacheinander, sondern in einer Bewegung.

 

 

Chi Sau - die Schulung der Nahkampfreflexe

 

Wie? Ein ganzes Kampfsystem soll nur aus einem geraden Fauststoß und ein paar Hilfstechniken bestehen? Was hier so einfach klingt (und die Struktur ist in der Tat einfach), kann in der Anwendung recht komplex wirken; denn die Gegenwehr erfolgt wiederum auf vielfältige Art. Um  sie zu überwinden, verfügt Wing Chun über eine Übung, die in  der Welt der Kampfkünste einmalig ist: das Chi Sau ("klebende Hände", "kontrollierende Hände"), ein spezielles Reaktionstraining im Nahkampf.

 

Wenn gelegentlich geschrieben wird, Chi Sau diene "der Entwicklung des Gefühls" oder "der Ausbildung des Tastsinns", so sind diese Erklärungen allzu oberflächlich. Chi Sau ist eine Trainingsform, die die Fähigkeit erzeugt, Lücken in der gegnerischen Deckung zu erspüren und, noch wichtiger, Deckungslücken zu schaffen, um den eigenen Angriff ins Ziel zu bringen. Die Arme des Gegners werden beseitigt oder in immobile Positionen geführt, sein Gleichgewicht wird gestört, und es wird ihm der Platz zum Ausweichen und Rückwärtsgehen genommen. Chi Sau entwickelt Reflexe, die über die optische Angriffserkennung nicht zu erwerben sind und über die niemand verfügt, der keine entsprechende Schulung erfahren hat. Die Strategie des Wing-Chun-Kämpfers ist es daher, möglichst schnell in die Nahkampfdistanz zu gelangen, auf die er spezialisiert ist, und einen offenen Schlagabtausch zu vermeiden, den meist der Größere und Stärkere gewinnt; im Nahkampf aber sind Reichweitennachteile aufgehoben. Der Wing-Chun-Kämpfer wird geschult, lange Hand- und Fußangriffe zu meiden und gleichzeitg in die Flanke des Gegners vorzustoßen, um diesem die Chi-Sau-Situation aufzuzwingen, der er in aller Regel hilflos ausgeliefert ist. Durch eine Serie harter Fauststöße gegen empfindliche Ziele wird er dann ausgeschaltet. Das klingt brutal, und offensichtlich ist Wing Chun vom Sportkampf oder vom spielerischen Kräftemessen weit entfernt. Trotzdem hat es nichts mit gemeinen Schlägereien zu tun; es ist vielmehr eine subtile Bewegungsschule, die einer bestimmten Auffassung folgt, wie der Körper optimal einzusetzen ist: Wing Chun ist Aggressivität, gepaart mit Intelligenz.